Man spricht Deutsch, Hauchdeutsch!
Neulich ist mir wieder das passiert, was jeder Schweizer, jedenfalls jeder Deutschschweizer, heimlich befürchtet, wenn er sich in der Sprache ausdrückt, die wir nicht umsonst als Schriftdeutsch bezeichnen – weil sie uns so schwer über die Lippen kommt. Diesmal war es in München, wo ich mit meiner Freundin und Yogalehrerin Katchie Ananda einen Workshop leitete. Sie, die seit zwanzig Jahren in Amerika lebt, unterrichtete auf Englisch – gespickt mit den urchigen berndeutschen Ausdrücken ihrer Kindheit. Das fanden alle furchtbar niedlich, obwohl sie, wie sie gestanden, «ehrlich gesagt, überhaupt nichts» verstehen konnten. Hochinteressant sei das, meinten die Deutschen, sie hatten zwar schon gehört, dass in der Schweiz ganz unterschiedliche lokale Dialekte gesprochen werden, aber dass sie derart verschieden sind? Das hätten sie nicht gedacht, und doch: «Das Zürich-Tütsch von der Milena, das verstehen wir ja problemlos!»
Das Zürich-Tütsch von der Milena!
Und ich hatte mir solche Mühe gegeben! Leider war ich dann so unklug, darauf hinzuweisen. Verlegene, ratlose Blicke: Nein, das hatten sie nicht gemerkt. Dass ich das ganze Wochenende lang unter grössten Anstrengungen Hauchdeutsch gesprochen hatte. Ich tat, was man in einer Yogastunde Gott sei Dank immer tun kann: Ich legte mich auf eine Matte und stellte mich tot.
Dabei habe ich einst lupenreines und akzentfreies Deutsch gesprochen – allerdings nur bis zum ersten Schultag. Mein Vater war Deutscher, aber das habe ich hier schon einmal erzählt. Und auch von Herrn Meister, meinem Primarschullehrer, der drei Jahre lang nicht locker liess, bis mein Schriftdeutsch so klang, wie er es wollte: «Wir sind Schweizer und das soll man auch hören!» Und bis meine Aufsätze vor Helvetismen strotzten. Ein Wort wie «Anken» wurde nicht als Fehler angestrichen, wohl aber der Ausdruck «den Fussboden kehren». So etwas würden wir nicht sagen. Wir kehren nicht, wir wischen. Warum ich in der zweiten Klasse schon über Haushaltsarbeiten geschrieben habe, weiss ich allerdings nicht mehr. Vielleicht sollte ich auch einmal darüber nachdenken, warum sich meine Themen seither nicht verändert haben? Jedenfalls: Herrn Meisters Methode hat funktioniert. Noch vierzig Jahre später spreche ich so, dass alle gleich wissen, wo ich herkomme. Dafür plagt mich jetzt, was viele von uns plagt. Das Wissen um meinen starken Akzent hemmt mich, und je gehemmter ich bin, desto schlechter spreche ich, bis mir am Ende die einfachsten Ausdrücke nicht mehr einfallen. Ein Teufelskreis. Und im Gegensatz zu den Franzosen, die voller Stolz jede Sprache so lange verschandeln, bis sie wie Französisch klingt, fürchten wir Deutschschweizer nichts mehr, als uns lächerlich zu machen. Und darum wächst ein schier unüberwindbarer Widerwille gegen die Sprache, die ich doch so gerne schreibe. Aber etwas passiert mit den Worten, wenn ich sie in den Mund nehme: Sie werden hart und kantig, nur mit Mühe spucke ich sie aus, eins nach dem anderen, sie reihen sich zu einer schwerfälligen Kette auf, mit der man gut jemanden erschlagen könnte.
Eine Zeit lang habe ich sogar Sprechunterricht genommen, bei einer Schauspielerin, einer Deutschen. Sie meinte höflich, meine Aussprache sei gar nicht so schlecht, da habe sie schon ganz anderes gehört. Nach dem Erlebnis in München frage ich mich allerdings, ob sie auch die ganze Zeit gemeint hat, ich spreche Schweizerdeutsch. Manchmal denke ich, ich sollte es mit Hypnose versuchen – irgendwo muss das Deutsch meiner Kindheit ja begraben sein. Doch wer weiss, wo in meinem Unterbewusstsein meine Vatersprache schlummert, neben welchen Monstern sie begraben liegt. Will ich diese wirklich wecken? Ich überlege noch. In der Zwischenzeit ist der nächste Workshop in München bereits gebucht. Ich denke, ich werde Englisch sprechen. Mein Englisch, das bestätigen meine Söhne, klingt cool. Wie das von «Gouvernator» Arnold Schwarzenegger.

13. Mai 2010 um 23:25
Hochdeutsch ist eine schwere Sprache, gerade für Schweizer. Während ich mir in meiner Anfangszeit in Berlin noch so manches Gelächter anhören musste, ist es mir nach 3 Jahren sogar gelungen, dass ich den Leuten meinen Personalausweis (eine “Identitätskarte” ist den Deutschen – wer hätte es gedacht- übrigens nicht bekannt) zeigen muss, damit sie mir glauben, dass ich eine Vollblutschweizerin bin. Das Schlimmste daran ist, dass mir bei meinen Heimatsbesuchen inzwischen immer mehr Worte meiner Muttersprache fehlen: “Wa isch nomol de rote Beete bi üs?”