Die Unsichtbaren
Jeden Morgen, lange bevor der Zug in den Bahnhof einfährt, steht er schon im vordersten Wagen an der Tür, gleich neben dem Velowagen. Ich weiss nicht, ob er sein Rennrad überhaupt je dort versorgt oder ob er die ganze Fahrt so verbringt, an der Tür stehend, die eine Hand im offenen Handschuh beschützend auf den Rahmen gelegt. Wie eine Mutter, die es mit ihrem Kind bis vor den Kindergarten geschafft hat, aber nicht hinein. Der Vergleich hinkt. Das liegt daran, dass mich der Anblick von Männern in Fahrradhosen immer irgendwie verwirrt und verlegen macht. Wie kann man sich so ungeschützt den Blicken aussetzen, der Welt präsentieren? Unwillkürlich wickle ich meine eigenen diversen Kleidungsschichten fester um mich und frage mich, wann ich prüde geworden bin.
Dieses Bedürfnis, Stoffhüllen um mich zu legen, mich vor fremden Blicken zu schützen, hatte ich jedenfalls nicht immer. Früher habe ich das Haus oft unbekümmert in Kleidern verlassen, die ich heute nicht einmal mehr als solche bezeichnen und schon gar nicht tragen würde. Minimalistische Kreationen, wie sie die drei jungen Frauen tragen, die sich ebenfalls jeden Morgen, lange bevor der Zug in den Bahnhof einfährt, hier an der vordersten Tür treffen. Sie tragen strategisch platzierte Stofffetzen, sie riechen nach Rauch, sie reden sehr laut. «Kind, du verkühlst dir die Nieren!», will ich einer von ihnen zurufen, aber ich tue es nicht. Stattdessen frage ich mich, warum ich schon hier stehe. Zehn Minuten bevor der Zug ankommt. Ich habe kein Rennrad, das ich vor dem Ansturm der Pendler in Sicherheit bringen will, ich muss nicht, wie die jungen Frauen, pünktlich am Arbeitsplatz sein.
Ich gehöre einfach zu diesen ängstlichen Seelen, die Schriftsteller Peter Bichsel einmal in einer seiner grossartigen Kolumnen beschrieben hat. Die, sobald die nächste Haltestelle angekündigt wird, aufspringen wie ein Mann, sich gehorsam Richtung Ausgang bewegen, wo sie dann zusammengepfercht wie Schafe und ebenso ergeben stehen und warten, bis der Zug hält. Die Sinnlosigkeit dieses Tuns ist unschwer zu erkennen, trotzdem kann ich auch nicht anders. Nicht einmal, nachdem sich in einem leeren und späten Zug der Schaffner durch den Lautsprecher direkt an mich gewandt hat: «Nächster Halt: Lenzburg – und bleiben Sie um Himmels willen sitzen, bis der Zug hält!»
So steh ich hier und kann nicht anders. Die jungen Frauen berichten vom «Ausgang», auch etwas, das mir so fremd geworden ist wie ein bauchfreier Pullover. Sie vergleichen die Alkoholmengen, die sie zu sich genommen, die Stunden, die sie geschlafen haben. Eine von ihnen behauptet, die Nacht durchgemacht zu haben, direkt von da zu kommen, von diesem mythischen Ort, der «Ausgang» heisst. Anzusehen ist es keiner von ihnen. Sie sind jung, sie sind unverwüstlich.
«Da geht mein Puls gleich hoch auf 160», sagt plötzlich der Velofahrer, selber kein junger Mann mehr, das hätte ich vielleicht gleich sagen müssen, vielleicht versteht es sich aber auch von allein: einer, der unter der Woche morgens Velo fährt. «Wenn ich neben so hübschen Mädchen stehe!» Er richtet sich an niemand Bestimmten, schaut alle drei der Reihe nach an. Keine reagiert. Sie reden einfach weiter, als gäbe es ihn nicht, den Velofahrer, der sich aber nicht geschlagen geben will, sondern gleich einen draufsetzt: Normalerweise sei sein Puls natürlich wahnsinnig niedrig, er fahre ja jede Woche soundso viele Kilometer in soundso wenig Zeit. «Still, seien Sie doch still», flehe ich ihn innerlich an, er hört mich nicht, sondern führt ihnen nun seine Pulsuhr vor, ein Meisterwerk moderner Technik offenbar. Und immer noch beachten sie ihn nicht. Es ist, als gäbe es ihn nicht, den Mann. Voller Mitgefühl lächle ich ihm zu, er sieht mich nicht.
Keine reagiert. Sie reden einfach weiter, als gäbe es ihn nicht, den Velofahrer, der sich aber nicht geschlagen geben will.

25. Februar 2010 um 16:18
Es ist nur den wahren VIP’s vergönnt direkt, sogar über Lautsprecher angesprochen zu werden. Aber NEIN um Himmelswillen, bleiben Sie nicht sitzen bis der Zug anhält, JA: Bewegen Sie sich sofort zum Ausgang und gesellen sich zur ausstiegswilligen Meute, bereit sich beim Öffnen der Türen sich den einstiegswilligen Massen entgegenzuwerfen. Das gelingt am besten im Rudel, mit vielschichtig geharnischten Mitstreiterinnen. Alter und oder strategische Punkte sind dabei weniger wichtig, sie wollen zum Ausgang und raus bevor die anderen zum Eingang reinkommen und Ihnen vielleicht ein Velo zwischen die Beine schieben. Oder?